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Die Westküste Jütlands gehört zu den gefährlichsten Gewässern der Welt

REGION/LAND: Westjütland, Dänermark
KOMMENTAR: Die Westküste Jütlands gehört zu den gefährlichsten Gewässern der Welt. Nicht so sehr aufgrund der Wellen, als wegen der heimtückischen Sandbänke, die Schiffen keine Chance lassen, wenn sie ihnen zu nahe kommen. Bis heute rechnet man mit einem Totalverlust von mehr als 6.000 Schiffen, die entlang der jütländischen Westküste untergegangen sind.


Schiffswracks im Strandungsmuseum "St. George"

Strand bei Thorsminde, Westjütland Foto:John Sommer
Strand bei Thorsminde, Westjütland Foto:John Sommer

von Terje Nordberg

 

Mit einem gewissen Herzklopfen fahre ich auf der dänischen Route 181 von Søndervig in Richtung Thorsminde, denn auf der Karte sieht es ganz so aus, als ob die Strasse im Meer enden würde. Sie klammert sich an die 14 Kilometer lange und einige hundert Meter breite Düne Bøvling Klit wie an einen dünnen Strohhalm, und ich schicke einen stillen Dank an den Herrgott und die Straßeningenieure, dass wir so sicher fahren können. Aber wer weiß, wie lange so ein bisschen Sandstreifen halten kann?

 

Glücklicherweise geht es gut, und in Thorsminde hat man nicht nur festen Boden unter den Füssen, sondern hier gibt es auch reichlich Platz. Die Nordsee ist überall. Im Hafen, in der Luft, in der Bodega, im Körper, in der Seele und tief begraben in der Geschichte der Menschen und der Landschaft. Aber heute ruht das Meer hinter Erdwällen und Steindeichen von Tausenden von Tonnen.
Denn die Westküste Jütlands gehört zu den gefährlichsten Gewässern der Welt. Nicht so sehr aufgrund der Wellen, als wegen der heimtückischen Sandbänke, die Schiffen keine Chance lassen, wenn sie ihnen zu nahe kommen. Bis heute rechnet man mit einem Totalverlust von mehr als 6.000 Schiffen, die entlang der jütländischen Westküste untergegangen sind.

 

Heiligabend 1811
Ein Drittel dieser Havarien ereignete sich im Zeitraum 1850-1925, die schlimmste im Jahre 1811. In der Nacht vor Heiligabend zeigte sich die Nordsee völlig entfesselt. Draußen vor der Küste bei Thorsminde kämpften zwei große englische Kriegsschiffe mit dem heftigen Unwetter, das im Laufe des 23. Dezember zu einem Orkan angewachsen war.

 

Die „St. George“ und die „Defence“ gehörten zur stolzen britischen Ostseeflotte, die einen Konvoi durch das feindliche und gefährliche dänische Gewässer eskortiert hatte. Jetzt waren die 1.400 Mann auf der Heimfahrt, um zu Hause Weihnachten zu feiern. Aber schon vor Lolland war es schief gegangen. Die „St. George“ hatte Mast und Ruder verloren, doch nach notdürftigen Reparaturen unterwegs beschloss man, dass die Schiffe ungeachtet der Probleme versuchen sollten, bis nach Hause zu kommen.
Am 17. Dezember wurde der entsprechende Kurs abgesteckt, was im nachhinein zur größten Schiffskatastrophe am der Westküste Jütlands führen sollte. Am Morgen des 24. Dezember strandeten beide Schiffe. Die „Defence“ als das ältere Schiff wurde von Wind und Wellen schnell in Stücke zerschlagen, während die „St. George“ sich noch einige Tage über Wasser halten konnte. Die örtlichen Fischer mit ihren kleinen, offenen Booten konnten nicht helfen, sondern vom Strand aus lediglich hilflos zuschauen.


Strandungsmuseum - Thorsminde, Westjütland Foto:Cees van Roeden
Strandungsmuseum - Thorsminde, Westjütland Foto:Cees van Roeden
Strandungsmuseum - Thorsminde, Westjütland Foto:Cees van Roeden
Strandungsmuseum - Thorsminde, Westjütland Foto:Cees van Roeden

Am Heiligabend befanden sich noch etwa 150 Lebende auf dem Wrack, aber zwei Tage später, als das Meer morgens ruhig war, war kein Mensch mehr zu sehen. 17 Überlebende und mehr als 1.300 Tote trieben mit der starken Strömung die Küste entlang nach Süden, einige bis nach Blåvand. Es war eine Katastrophe ohne gleichen in der Geschichte der Seefahrt, und die Erinnerung daran ist fast 200 Jahre lang lebendig geblieben.

 

Augenzeugenbericht von Joseph Page von der „Defence“, 1811.
”Ich sprang jetzt selbst über Bord und bekam ein Stück des Mastes zu fassen. Gleichzeitig begann das Schiff auseinanderzubrechen, und durch die schweren Seen und die starken Schlingerbewegungen des Wracks wurde der grosse Anker quer über die Back geschleudert, wo er mehrere Männer erschlug ... ich erreichte ein Wrackstück, auf dem sich bereits 40 Mann befanden. Als die nächste See kam, nahm sie bis auf drei bis vier Mann alle mit sich ... an Land bekamen wir sofort Hilfe von den Dänen, die freundlich zu uns waren ...“

 

 
Heute kann man eine Tour auf den Dødemandsbjerget (Totmannberg) im Süden der Stadt machen und das Denkmal an der Stelle besichtigen, wo damals viele Leichen an Land getrieben wurden. Oder wir können das Strandungsmuseum St. George in Thorsminde besuchen, über das der in Dänemark weltberühmte Däne Palle Lauring in einer Rundfunksendung sagte: „endlos viele herrliche Dinge hier in diesem Museum. Überaus reichhaltig und übersichtlich strukturiert ... eine der schönsten Sehenswürdigkeiten, absolut einen Besuch wert.“

 

Das stimmt. Aber man sollte sich auch Zeit nehmen. Jedes einzelne Objekt erzählt seine eigene, tragische und leise Geschichte – eine Sammlung Schuhe, Weinflaschen, Weihnachtsgeschenke, Besteck und Geschirr mit Namenszügen, Querflöten, Instrumente, eine komplette Mannschaftsliste und so weiter beschwören vor dem inneren Auge nach und nach das Bild einer 200 Jahre alten Welt herauf.

 

Tauchversuche
Das Tauchen nach der „St. George“ ging in mehreren Phasen vor sich. Bereits wenige Tage nach der Strandung des Schiffes begann man mit der Untersuchung des Wracks. Aber grosse Teile davon waren bereits in so große Tiefe auf den Meeresgrund gesunken, dass nichts zu finden war. In den Jahren 1876, 1904, 1940 und 1954 sowie in den 1980er Jahren wurden Versuche unternommen, zu den verschiedenen Decks hinabzukommen, die infolge der durch die Meeresströmungen veränderten Sandverhältnisse am Wrack nach und nach sichtbar wurden.

 

Ein Besuch im Museum vermittelt nicht nur einen Einblick in die Welt des Tauchens, sondern zugleich Verständnis für die Kunst des Erhaltens und Konservierens. In vielen Fällen musste der Konservator am Hafen bereitstehen und sofort mit den Konservierungsmaßnahmen beginnen.
Die von der „St. George“ geborgenen Gegenstände, die in den meisten Fällen 100 bis 200 Jahre im Meerwasser gelegen hatten, wären nach kurzer Zeit an der Luft verrottet, hätte man sie nicht sofort behandelt. Zum Beispiel durch gründliches Entsalzen oder durch Gefriertrocknen. Beim Betrachten des perfekten Fayence-Geschirrs, das so aussieht, als wäre es erst gestern gekauft, oder des Skeletts der Schiffskatze erschließen sich daher nicht nur ergreifende Geschichten um eine 200 Jahre alte Tragödie, sondern in imponierender Weise auch ein Handwerk, ja eine Kunst, die wir als Publikum vielleicht nicht immer in angemessener Weise zu würdigen wissen.

 

Das Museum beherbergt in erster Linie geborgene Requisiten der beiden berühmten Schiffe, vor allem der „St. George“. Ein Rundgang zwischen Vitrinen, Schautafeln und Ausstellungsobjekten erzählt aber auch von einer Reihe anderer Strandungen an der Westküste und nicht zuletzt von den Forschungs- und Bergungsarbeiten der Taucher an den Wracks.
So zeigt ein Video die Taucherarbeiten auf der „St. George“ 1984 und 1985, als man neben vielen anderen Gegenständen die Flaschen, Gläser, Navigationsinstrumente, Fayencen und die beiden schönen Stein-Vasen fand, die heute im Museum zu sehen sind. Die „St. George“ führte insgesamt 98 Kanonen, von denen etwa die Hälfte vom Wrack geborgen wurden. Sie wurden damals verkauft und umgeschmolzen, so dass wir uns heute mit einer der kleinen Holzlafetten begnügen müssen, auf die die Kanonen montiert waren.
Als man 1904 einen der Holzpropfen, die in die Mündungen der Kanonen gestopft waren, entfernen wollte, sprang der Propfen mit einem lauten Knall heraus. Als man dann, um besser sehen zu können, mit einer Streichholzflamme tiefer in die Mündung hineinleuchtete, schlug eine kräftige Stichflamme aus dem Kanonenlauf, die dem betreffenden Mann Gesicht und Bart versengte! Es soll also keiner kommen und sagen, Geschichte würde bei einem Besuch des Strandungsmuseums in Thorsminde nicht lebendig.

 

INFORMATION
Strandingsmuseet „St. George“, Vesterhavsgade 1E, Thorsminde, DK-6990 Ulfborg, Tel. 0045 / 97 49 73 66. Öffnungszeiten: 2. Januar bis 31. März täglich 11-16 Uhr. 1. April bis 31. Oktober täglich 10-17 Uhr. 1. -30. November täglich 11-15 Uhr. 27.-30. Dezember täglich 11-15 Uhr. Eintritt: 40 Kronen (4,50 Euro), Kinder bis 17 Jahre frei.

Thorsminde liegt etwa 45 Kilometer nördlich von Ringkøbing und Søndervig, die vielen deutschen Sommertouristen in Dänemark bekannt sein dürften. Der kleine Fischerort mit etwa 600 Einwohnern liegt auf dem rund 14 Kilometer langen, schmalen Bøvling Klit, der den Nissum Fjord von der Nordsee trennt. Hier wurde in den Jahren 1868-1870 und 1931 eine Schleuse gebaut, die die Anlage eines Fischereihafens ermöglichte. Heute ist Thorsminde Heimathafen für bis zu 50 Fischkutter, und in der kleinen Stadt gibt es Fischauktionen, eine Fabrik zur Fischfiletverarbeitung sowie eine Verpackungsanlage.

 

Fisch essen:
Im „Thorsminde Kro“ kann man das berühmte, schmackhafte Gericht „Stjerneskud“ serviert bekommen, das aus frisch gefangenem Fisch mit Beilagen besteht. Thorsminde Kro, Rønnevej 2, Thorsminde, DK-6990 Ulfborg, Tel. 0045 / 9748 4949.

 

Übernachten:
Hotel Fjordgården, Vesterkær 28, DK-6950 Ringkøbing. Tel. 0045 / 97 32 14 00, Fax 97 32 47 60, www.fjordgaarden.dk. Vedersø Mejerikro, Vesterhavsvej 38, Vedersø, DK-6990 Ulfborg, Tel. 0045 / 9733 1366, Fax 9733 1377, www.vedersomejerikro.dk.
Ulfborg Turistbureau und Ferienhausvermietung, Bredgade 9, DK-6990 Ulfborg, Tel. 0045 / 9611 9100, Fax 9749 2570, feriehus(at)ulfborg-turist.dk, www.ulfborg-turist.dk.
Thorsminde Camping, Klitrosevej 4, DK-6990 Ulfborg, Tel. 0045 / 9749 7056,
Fax 9749 7056, mail(at)thorsmindecamping.dk, www.thorsmindecamping.dk.

 

Bei Dänemarks offizieller Tourismuszentrale sind regionale Informationsbroschüren und Straßenkarten erhältlich:
VisitDenmark, Postfach 70 17 40, D-22017 Hamburg, Tel. 018 05 / 32 64 63 (14 Cent/Min.), www.visitdenmark.com (jetzt mit Onlinebuchung von über 26.000 Ferienhäusern sowie fast 300 Hotels und Jugendherbergen).

 





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