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Ganz alleine, ich möchte ganz alleine sein. Oh Kanada, das bist du!

REGION/LAND: Kanada
KOMMENTAR: Es gibt nur noch wenige Orte auf unserer Erde, an denen man den Luxus einer spektakulären Landschaft ganz alleine genießen kann: Kanada.


Yukon, Fotos: Canadian Tourist Commission
Yukon, Fotos: Canadian Tourist Commission

von Margo Pfeiff

 

Es gibt etwas Komisches, was ich immer tue, wenn ich mich am Ende der Welt befinde – an Orten wie Ellesmere Island in Nunavut oder den Tombstone Mountains im Yukon-Territorium. Ich halte an einer Stelle an, von wo aus ich meinen Wanderkameraden, der mir voraus geht, nicht mehr sehen kann, drehe mich auf meinen Stiefelabsätzen langsam im Kreis und erfasse die 360-Grad-Aussicht. Tundra, Gletscher, gezackte Bergspitzen, ein Zipfel vom Ozean, Schneeflecken – o nein, das ist eine Schnee-Eule! – , Fluss, noch mehr Tundra. Wenn ich anhalte (es sei denn, ich bin schon vor lauter Höhenangst umgekippt), fühle ich ein Beben in meiner Magengrube; und deswegen mache ich das überhaupt: halb Rausch, halb Angst.

 

Irgendein steinzeitlicher Teil meines Gehirns ringt mit der Erkenntnis, dass ich völlig alleine bin, an einem Ort, der die Größe eines kleineren europäischen Landes hat. Alleine und umgeben von einer Stille, die so ohrenbetäubend ist, dass es sich wie ein Druck auf meinem Trommelfell anfühlt – von der Art, dass man ihn durch ein Gähnen abschütteln möchte. Das einzige Mal, das jemand dieses Ritual noch verbessert hat, war, als ich mit einem Führer namens Dave Reid auf einem Wandertrip im Sirmilik Nationalpark im Norden von Baffin Island, Nunavut, unterwegs war. Er reckte seine Arme hoch in die knöcheltiefe arktische Wildnis und sagte: „Ok. Du bist hungrig. Dann geh jetzt da raus und beschaffe das Abendessen.“ Es gibt keine effektivere Art, eine Wertschätzung für die Überlebenskünste der Inuit zu vermitteln. Es brachte mich dazu, mit einem Gefühl der Erleichterung nach dem Brocken Zivilisation langen, den ich auf meinem Rücken trug.

 

Es gibt nur noch wenige Orte auf unserer Erde, an denen man den Luxus einer spektakulären Landschaft ganz alleine genießen kann. Und da ich eine besondere Liebe für unbewohnte Teile des Erdballs hege, ist es gut, dass ich in Kanada lebe, wo sich fast die gesamte Bevölkerung am südlichen Rand zusammendrängt. Dadurch wird der „Garten“ des Landes, ausgedehnte Seen, Flüsse und Berge, zu meinem eigenen, privaten Spielplatz, wo ich mein Kanu hinpfeffern oder eine Spritztour mit meinen Skiern unternehmen kann. Es ist ein Ort, an dem ich meine Kräfte messen kann - mit einem von mir selbst zusammengestellten Challenge: extremes Wetter, schwindelerregende Höhen, Wildwasser und Kriebelmücken.


Nordisches Wetterleuchten. Foto: Canadian Tourist Commission
Nordisches Wetterleuchten. Foto: Canadian Tourist Commission
Ogilivie Mountains Foto: Canadian Tourist Commission
Ogilivie Mountains Foto: Canadian Tourist Commission
Polarbär Foto: Canadian Tourist Commission
Polarbär Foto: Canadian Tourist Commission

Die Leute, die in den entlegenen Ecken des Landes wohnen, zollen denen, die ihre öde Umgebung würdigen, Anerkennung. Und im Allgemeinen ist das Erste, was sie wollen, einen zu füttern. Im Allgemeinen ist das auch eine gute Sache. Ich habe beispielsweise einmal Saibling-Sushi zum Abendessen bekommen, der von einem Inuit-Jäger auf gefrorenen Treibeis geschnitten wurde; ich habe ein Stück gekochtes Karibu von dem Schenkel abgehackt, der auf dem Küchentresen stand, in Labrador, NL – und ich habe mir mit einem Gwich’in-Fährmann eine geräucherte Renke geteilt, während wir den Mackenzie River im Yukon-Territorium hinunter tuckerten. Nicht mal der Muktuk-Walfischspeck hat mir was ausgemacht, obwohl seine schwarze Haut an den Zähnen klebt wie Gummiband. Bringt mir Zahnseide. Ich hatte rohen Schneegansmagen und rohe Robbe zum Abendmahl, besondere Leckerbissen – eine Grenze habe ich erreicht, als ein vorlauter dreizehnjähriger Inuk ein Karibu-Auge ausschlürfte und mir sein Messer anbot, damit ich mir das zweite genehmigen konnte.

 

Es gibt sogar Orte in der Wildnis, wo man nicht auf Bequemlichkeit verzichten muss; Hütten und Kneipen, die in die Hölle hingeknallt sind, wo man  sein Moschusochsenrippchen mit rosa Pfeffersauce bekommen kann. Möglicherweise ist die größte Eigenart Kanadas aber, dass man Wildnis direkt vor der Haustür der großen Städte haben kann, überall im Land.

 

Eigentlich war das einige Mal, das ich direkt auf einen Bären traf, bei einem einsamen Waldspaziergang im Lynn Canyon, fünf Minuten von einem Einkaufszentrum in North Vancouver, BC, entfernt. Glatzköpfige Adler hätschelten ihre Babys in den Baumspitzen unter mir – bei einem Wanderung an einer Felsenklippe am East Coast Trail, gleich bei St. John’s, NL – und Wale spritzten Fontänen. Nie gehe ich nach Calgary, AB, ohne Skier oder Wanderstiefel, je nach Saison. Und nach Winnipeg, MB, nehme ich immer meine Kajakjacke mit. Da büchse ich dann für einen kurzen Paddelausflug auf einen der nahegelegenen Seen aus. Wenn ich im Dezember in Montréal, QC, bin, sind meine Cross-Country-Skier immer in meinem Auto verstaut. Und dort bleiben sie bis März, denn zehn Kilometer Skifahren sind mein tägliches Workout in einem der fast sechs Wälder, die alle in einer 20-Minuten-Entfernung zu meinem innerstädtischen Apartment liegen.

 

Diese Flecken Wildnis dienen mir als Wildnis-Impfung, wenn ich grad nicht da draußen sein kann. Sie sind für mich wie eine Kostprobe der Wildnis, eine Erinnerung an die Freiheit, Einsamkeit, und, der Höhepunkt, die Gelegenheit, auf der Stelle stehenzubleiben und mich langsam auf meinen Stiefelabsätzen zu drehen, um alles zu erfassen.

 

Die Arbeiten der preisgekrönten freiberuflichen Autorin und Fotografin Margo Pfeiff, die in Montreal/Québec wohnt, erschienen in Reader’s Digest (Büchern und Zeitschriften), GEO, Better Homes and Gardens, Time-Life-Büchern, Canadian Geographic, Los Angeles Times, San Francisco Chronicle, The Dallas Morning News, Montréal Gazette, National Post, The Globe and Mail und dem Cathay Pacific’s Discovery Magazin.

 

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